[Buch] Zeh, Juli: Spieltrieb

Originaltitel: –
Erscheinungsjahr: 2004
Seiten: 566
Genre: Gegenwartsliteratur
Kaufempfehlung: ja

Klappentext:
„Wenn das alles ein Spiel ist, sind wir verloren. Wenn nicht – erst recht.“

Meine Meinung:
Bisher habe ich mich von Juli Zeh ferngehalten, ohne mir wirklich bewusst zu sein warum. Und ich weiß deshalb auch gar nicht, wie Spieltrieb auf meiner Wunschliste gelandet ist, aber einen Grund werde ich wohl dafür gehabt haben, es schließlich aus der Stadtbücherei auszuleihen. Tatsächlich hätte ich nach den ersten drei Seiten auch beinahe wieder aufgehört, denn von Anfang an ist der Roman beladen mit mehr oder weniger anschaulichen Bildlichkeiten und/oder Verbildlichungen.

„Mit schnellen Stichen vernähte kreisendes Blaulicht das Loch in der Ordnung, aufgerissen durch das außerplanmäßige Versterben eines Artgenossen; ein Loch, über das die aufgelaufene Menschenmenge sich beugte, um einen entsetzen Blick in das darunter liegende Chaos zu werden.“

Uff. Nach einer kurzen Recherche im Netz war mir zwar klar, dass Juli Zeh sich da an Robert Musils bildträchtigem Mann ohne Eigenschaften orientiert, aber das hat mir den Sprung in den Roman auch nicht einfacher gemacht. Aber schon im zweiten Kapitel war meine Neugier wieder geweckt, denn plötzlich fand ich mich in einer Personenbeschreibung, die auf den ersten Blick so gar nicht zum ersten Kapitel passen mag.

„Ada war ein junges Mädchen und nicht schön.“

So geht es prinzipiell weiter. Das Buch wirft philosophische, moraltheoretische und -praktische Überlegungen mit juristischen Problemfragen zusammen und mischt eine Menge übermütige Teenagerlaunen mit Gefühlen von Leere und Sinnlosigkeit dazu. Heraus kommt schließlich dieser erstaunlich gut lesbare Roman. Im Nachhinein wundere ich mich tatsächlich, dass ich keine einzige Seite der sich zum Teil wiederholenden Diskussionen um Moral und deren Verfall, bzw. deren nichtvorhandene Notwendigkeit überschlagen habe.

„Er wollte das Fenster aufreißen und mit lauter Stimme in die Nacht rufen: Ich habe Antwort, hört mich an! Die Welt ist eine Lasagne.“

Der, der offensichtlich Deep Thought Konkurrenz machen will, ist Smutek, einer der drei Protagonisten, die auf dem privaten Ernst-Bloch-Gymnasium in Bonn aufeinandertreffen. Smutek sieht sich zwei Schülern gegenüber, die ihm intellektuell und emotional überlegen sind. Ada und Alev, das permanent diskutierende und in Frage stellende Gebilde, das Smutek in eins ihrer Gedankenspiele einbindet und es dadurch in die wirkliche Welt überträgt. Dass der Spieltrieb auch vernichtende Formen annehmen kann, wird vor allem dem Lehrer schnell klar.

Die Figuren sind nicht übermäßig sympathisch, aber sie haben mich genauso wie sich gegenseitig in den Bann gezogen. Beim Lesen hatte ich das Gefühl, dass nicht nur Ada, Alev und Smutek sich wie Planeten um das von ihnen erschaffene Spiel drehen, sondern dass ich als Leser in etwas weiterer Entfernung ebenfalls in einer Umlaufbahn kreise, die es mir erlaubt verschiedene Blickwinkel auf das Ganze einzunehmen… jetzt fange ich auch schon an in Bildern zu denken. O.o

Insgesamt bin ich von Juli Zehs Roman begeistert, auch wenn ich manche Verbildlichungen als unpassend und zum Teil störend empfunden habe, wie beispielsweise diese beiden:

„Die Sonne brüllte wie ein zahnloser Tiger vom Himmel…“

Das mag aber an meinen persönlichen Vorlieben und meinem Empfinden liegen, denn es finden sich auch Stellen im Roman, die mir beinahe die Tränen in die Augen getrieben haben:

„Schläfrigkeit ist ein Geruch, nach dem eigenen Scheitel, ganz leicht nach Hausstaub und erhitzten Glühbirnen, nach Dunkelheit, Buchseiten und Raufasertapete.“

Fazit:
Lesen und sich dabei nicht ablenken lassen. Spieltrieb ist kein Roman bei dem man die Seele baumeln lassen kann, man beendet das Buch eher mit der Frage, ob es so etwas wie eine Seele überhaupt gibt…

~ von Sasy - Januar 13, 2010.

2 Antworten to “[Buch] Zeh, Juli: Spieltrieb”

  1. Nach den Zitaten zu urteilen fürchte ich, dass ich den Roman irgendwann zur Seite gelegt hätte. So überladende Beschreibungen liegen mir weniger – da kommt die eigene Fantasie oft zu kurz oder meine bildlichen Ideen fangen an, sich mit den zu detaillierten Beschreibungen des Autors zu beißen…

    Alle Achtung, dass du die ganzen 566 Seiten durchgehalten hast :-)

  2. Das ist ja grade das Komische, denn ich mag diese extreme Anhäufung von Beschreibungen und Bildern eigentlich auch nicht, aber der Roman hat mich trotzdem gefesselt. Vielleicht war ich gerade in der richtigen Stimmung dafür. :)

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s