Geballte Sozialkompetenz

Nichtsahnend stand ich heute vormittag bei der Post um ein Einschreiben auf den Weg zu bringen, als ich plötzlich unfreiwillig Zeuge wurde von ein paar Aussagen, die ich hier im Kurstädtchen nicht erwartet hätte. Etwas abseits an der Wand stand ein älterer Mann mit Gehstock, der sich mit einem Bekannten unterhielt. Der Bekannte stand in der Schalterschlange 3 Meter entfernt und so wurden alle Kunden und Postler zu Mithörern. Dass sich hier ältere Menschen in etwas gehobener Lautstärke unterhalten, bin ich gewöhnt – und meistens höre ich darüber hinweg, aber heute ging das nicht so einfach.
Der Bekannte berichtete davon, dass ein Freund von ihm nach China ausgewandert sei. Hellhörig wurde ich dann bei der Reaktion des Mannes mit Gehstock (MmG):

Nach China? Dann ist der doch schwul und hat da bestimmt einen Stecher!

Im ersten Moment war ich mir sicher, dass ich mich verhört hatte, aber es ging dann relativ im gleichen Modus weiter:

Besser China als wenn er zu den Kanaken nach Polen gegangen wäre. Oder zu den Kamelf*ckern nach Afghanistan.

Zu dem Zeitpunkt fingen die Postler an, verschämt zu lachen, und die meisten Kunden um mich herum waren peinlich berührt und scharrten mit den Füßen. Direkt vor mir stand ein gutgebräunter Mann mit schwarzen Haaren, der den MmG genauso fassungslos anstarrte wie ich. Das passte dem MmG wohl nicht so ganz und er verkündete:

Gucken Sie mich mal nicht so an! Ich stehe hier, weil ich im Krieg war und nicht mehr richtig laufen kann, aber glauben Sie nicht, dass Sie sich vordrängeln können. Ich bin nach dem Kümmeltürken dran. Hinter den stell ich mich aber nicht, weil der nach Knoblauch riecht.

Mit dem „Kümmeltürken“ war der Mann vor mir gemeint, der dann auch zu einem freien Schalter ging um seinen Brief aufzugeben. Ich war immer noch völlig perplex und wartete auf den nächsten freien Schalter. Mittlerweile hatte dann auch der MmG einen Postler gefunden, der sich seiner Begehr nach Bargeld annahm und ich kriegte nebenbei noch mit, er den Postler zuschwallte.

Der Zufall wollte es nun so, dass wir drei uns an der Ausgangstür wiedertrafen und während ich bemüht war, mich von diesem Unding von einem alten Mann einfach so weit wie möglich zu entfernen, sprach der schwarzhaarige Mann ihn an:

Wissen Sie… wenn ich mich auf Ihr Niveau herabließe, würde ich jetzt sagen ‚Solche Menschen wie Sie, hat man früher vergast‘. Aber da ich so tief gar nicht sinken kann, sage ich Ihnen stattdessen ‚Solche Subjekte wie Sie, haben früher Menschen vergast!‘ – aber ich bezweifle, dass Sie den Unterschied verstehen.

Sprach’s und ging seines Weges.
Respekt.

~ von Sasy - Juli 23, 2011.

2 Antworten to “Geballte Sozialkompetenz”

  1. WOW!

    Daumen hoch, aber alle!
    Respekt trifft’s!

    Unfassbar, ehrlich. Aber ich freu mich, dass die Story zumindest ansatzweise sowas wie ein „Happy End“ bekommen hat. Auch wenn der Typ es vermutlich wirklich nicht verstanden hat.

  2. Was für eine tolle Reaktion! Großartig! Ich verfluche mich oft dafür, dass mir in solchen Situationen nicht selbst was Passendes einfällt (oder ich mich nicht traue, auszusprechen, was mir auf der Zunge liegt) und freue mich so, dass es Menschen gibt, die genau die richtigen Worte finden.

Schreibe einen Kommentar

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s